Unverzichtbarer Helfer auf vielen Gebieten

Künstliche Intelligenz ist aus dem radiologischen Alltag mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Ob Knie, Hüfte, Wirbelsäule, Gehirn, Brust, Prostata, Thorax oder Herz – die Einsatzgebiete sind vielfältig.

Künstliche Intelligenz ist aus dem radiologischen Alltag mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Ob Knie, Hüfte, Wirbelsäule, Gehirn, Brust, Prostata, Thorax oder Herz – die Einsatzgebiete sind vielfältig. Doch bringt auch jede Lösung, die auf dem Markt ist, tatsächlich den erhofften Mehrwert? In welchen anatomischen Regionen hat sich die KI in der Radiologie am besten bewährt? Wo liegen nach wie vor die Herausforderungen und Fallstricke? Und was wünschen sich die, die sie tagtäglich nutzen, für die Zukunft? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gaben kürzlich fünf renommierte Experten aus Deutschland und Österreich im Rahmen einer gut besuchten Session der Online-Veranstaltungsreihe „Zukunft Teleradiologie“.

Egal wie unterschiedlich die Erfahrungen der fünf Referenten bei der Nutzung von KI teilweise auch sind, klar ist, dass es nicht mehr darum geht, ob KI in der Radiologie genutzt wird oder nicht, sondern nur noch darum, welche der zahlreichen Anwendungen langfristig Bestand haben. „Es geht um die Frage, was funktioniert gut, was muss verbessert werden und wo müssen wir als Radiologen die Grenzen ziehen“, so Markus Wagner, Befunder in Deutschlands größtem Teleradiologienetz reif & möller.

Markus Wagner
Markus Wagner, Facharzt für diagnostische und interventionelle Radiologie, reif & möller – Netzwerk für Teleradiologie
Quelle: reif & möller – Netzwerk für Teleradiologie

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. (TMA) Andreas G. Schreyer, Facharzt für Radiologie, Direktor und Chefarzt des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Brandenburg an der Havel, ging sogar noch einen Schritt weiter und sprach augenzwinkernd von einem „beinahe Verbrechen“, KI nicht zu nutzen. „Wir haben eine Technik, die uns besser macht, diese nicht zu nutzen, wäre ein Fehler. Das wäre ähnlich, wie wenn wir auf CT- und MRT-Bildgebung verzichten würden, obwohl sie eine höhere Auflösung und damit eine bessere Diagnosequalität bietet.“ 

Inzwischen will niemand mehr auf KI verzichten, zumal die Schlagzahl bei der bildgebenden Diagnostik immer höher wird, denn immer weniger Radiologen müssen immer mehr Bilder befunden. Vor allem in Nachtdiensten mit wenig Schlaf sei es nicht ausgeschlossen, „dass man gewisse Sachen übersieht, gerade bei diffizilen Befunden. Wenn die KI aber mit darauf schaut, reduziert sich diese Gefahr deutlich“, berichtete Dr. med. Christoph Endler, Facharzt für Radiologie und Oberarzt am Universitätsklinikum Bonn. Er nutzt KI seit etwas mehr als zwei Jahren.

Dr.med. Christoph Endler,
Dr. med. Christoph Endler, Facharzt für Radiologie, Oberarzt am Universitätsklinikum Bonn
Quelle: Universitätsklinikum Bonn

KI ist Hilfe, aber kein Ersatz für den Facharzt

Ein Anwendungsgebiet, in dem sich die KI aus seiner Sicht ganz besonders bewährt hat, ist der Bereich der Frakturdiagnostik. „Es gibt verschiedene KI-Anwendungen in diesem Bereich und zwischen den meisten bestehen keine großen Unterschiede. Wir nutzen BoneView von Gleamer und sind damit sehr zufrieden“, so Dr. Endler. „Erscheint nach der KI-Analyse auf dem Bild ein durchgezogener Kasten, dann ist sich die KI sicher, dass eine Fraktur vorliegt. Zu einem sehr hohen Prozentsatz ist das auch so“, erläuterte Dr. Endler. „Es gibt aber manchmal auch Kästen, die sind gestrichelt. Das heißt, dass laut KI vielleicht eine Fraktur vorliegt. Für mich ist das nützlich, denn das animiert uns, genauer hinzusehen.“ Natürlich ist die KI nicht allwissend; manchmal ordnet sie etwas falsch ein oder übersieht es komplett. Dies zeige, dass der Radiologe durch die KI nicht überflüssig wird. „Man darf sich nicht auf die KI verlassen. Sie ist Hilfe, aber nicht Ersatz“, so Dr. Endler. Er warnt deshalb, wie die anderen Referenten auch, davor, die KI-Ergebnisse automatisch in die Krankenhaus-Systeme übertragen zu lassen. „Erst die Synergie zwischen Mensch und KI erzielt die besten Ergebnisse“, ist sich Dr. Endler sicher. 

Eine Ansicht, die alle Referenten teilten. Prof. Dr. Andreas G. Schreyer vom Universitätsklinikum Brandenburg ergänzte mit dem Hinweis, dass Radiologinnen und Radiologen selbst vor einer perfekt funktionierenden KI keine Angst haben müssten: „Wir sind Kliniker, Differenzialdiagnostiker, Therapeuten – unsere Aufgabe endet nicht beim Erkennen einer Läsion. Selbst wenn die KI hundertprozentig richtig liegt, bleiben die klinische Einordnung, die interdisziplinäre Kommunikation und die Verantwortung immer beim Menschen.“ 

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. (TMA) Andreas G. Schreyer...
Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. (TMA) Andreas G. Schreyer, Facharzt für Radiologie, Direktor und Chefarzt des Instituts für diagnostische und interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Brandenburg an der Havel
Quelle: Universitätsklinikum Brandenburg a.d. Havel

Noch Verbesserungsbedarf in Grenzbereichen

Gleichwohl sieht Schreyer in der Thoraxdiagnostik einen der Bereiche, in denen KI in naher Zukunft flächendeckend Einzug halten wird. „Gerade im Notfallsetting oder in kleineren Häusern ohne ständige radiologische Präsenz ist KI eine enorme Unterstützung. Für Radiologinnen und Radiologen selbst mag sie beim Röntgen-Thorax vielleicht kein Gamechanger sein, weil die Routine so groß ist – für Internisten oder Intensivmediziner kann sie aber in der Befundvorselektion und Priorisierung echte Sicherheit bieten.“ Seine Klinik habe verschiedene Systeme getestet – von Gleamer über AZmed bis Siemens AI Red Companion – und beobachte, dass die Softwarelösungen zunehmend stabiler, aber noch nicht perfekt seien: „Wir sehen, dass die Algorithmen zuverlässig bei eindeutigen Pathologien arbeiten, aber bei Grenzbefunden und Artefakten noch Nachbesserungsbedarf besteht.“

Ein weiteres Anwendungsfeld, das Prof. Schreyer hervorhob, ist die Prostata-MRT. „Hier ist der Bedarf an strukturierter, reproduzierbarer Befundung groß. Die aktuellen KI-Systeme liefern bereits nützliche Segmentierungen und PI-RADS-Vorbewertungen, aber die klinische Plausibilitätsprüfung bleibt entscheidend. Noch sind wir nicht da, wo wir hinwollen – aber der Weg stimmt“, so Prof. Schreyer.

Seit 2023 ist in Schreyers Klinik KI-Einsatz Routine. Sein Fazit: „Ein supergutes Werkzeug, das uns in der Ergebnisqualität besser macht. Aber wir müssen genau wissen, wie wir es einsetzen.“ So habe es beim Onboarding auch Stolpersteine gegeben: „Ein Algorithmus erkannte alte postoperative Veränderungen als frische Befunde – das zeigt, wie wichtig die menschliche Kontrolle bleibt.“

Besonders bei der Mammographie sah Schreyer noch Feinabstimmungsbedarf: „Wenn bei minimalen Auffälligkeiten sofort ein roter Alarm ausgelöst wird, nervt das die Befunder eher, als dass es hilft.“ Zudem stelle sich eine neue juristische Unsicherheit ein: „Was muss dokumentiert werden? Welche Entscheidung ist nachvollziehbar, wenn Mensch und KI unterschiedlicher Meinung sind? Diese Fragen sind noch ungeklärt.“

Im Rahmen seiner Ausführungen wies Schreyer noch auf einen weiteren Aspekt beim Einsatz von KI hin – und zwar ihre behutsame Einführung im Team. „Man darf nicht davon ausgehen, dass alle die gleiche Begeisterung für intelligente Systeme teilen“, betonte er. Umso wichtiger sei es, Kolleginnen und Kollegen dort abzuholen, wo sie stehen, und ihre Sorgen und Vorbehalte ernst zu nehmen. Nur so könne KI ihr volles Potenzial entfalten – andernfalls blieben wertvolle Ressourcen ungenutzt.

Priv.-Doz. Dr. Peter Brader vom Diagnostikum Linz brachte die österreichische Perspektive ein und gab Einblick in die Praxis eines der größten MRT- und CT-Institute des Landes. „KI ist für uns kein Experiment, sondern gelebte Realität.“ Brader betonte, dass KI nicht nur in der Bildanalyse eine Rolle spiele, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette: „Von der Untersuchungsvorbereitung über die Nachbearbeitung und Vermessung bis zur Befunderstellung – überall kann KI unterstützen.“

Um die Entwicklung aktiv mitzugestalten, gründete das Diagnostikum gemeinsam mit der TU Graz das Start-up RADIAS – Radiology AI Diagnostic Assistance System. „Unser Ziel war es, eine Lösung zu schaffen, die uns Radiologen unterstützt, statt uns vorzuschreiben, wie wir zu befunden haben. Deshalb ist RADIAS als Assistenzsystem gedacht, das die Läsionserkennung prüft, nachdem der Radiologe selbst den ersten Befund erstellt hat. Ich bin überzeugt: Erst der Mensch, dann die Maschine – so bleibt die Verantwortung klar.“

Am Standort Linz liegt ein besonderer Fokus auf der Brustkrebsdiagnostik. „Wir haben verschiedene Systeme getestet, waren aber nicht immer überzeugt. Deshalb entwickeln wir selbst weiter – unter anderem mit dem PIRAT-Score, der maschinelles Lernen mit klinischen Kriterien verbindet. Das Ergebnis ist ein transparenter, nachvollziehbarer Prozess, der Vertrauen schafft.“

Priv. Doz. Dr. med. Peter Brader
Priv. Doz. Dr. med. Peter Brader, Facharzt für Radiologie, Leiter des Diagnostikum Linz
Quelle: Joobster

In der Notfalldiagnostik spielt die psychologische Entlastung eine wichtige Rolle

Markus Wagner, Facharzt für Radiologie und Netzwerk-Koordinator bei reif & möller Netzwerk für Teleradiologie, hob vor allem die Rolle der KI in der Akutversorgung hervor: „Bei Schlaganfall, Hirnblutung oder Lungenembolie hilft uns KI enorm. Sie priorisiert die Fälle, markiert potenziell kritische Befunde und beschleunigt die Entscheidungswege. Das spart Minuten – und die sind in solchen Fällen oft entscheidend.“ Neben der Zeitersparnis nannte Wagner einen weiteren, oft unterschätzten Faktor: die psychologische Entlastung. „Wer Nachtdienste macht, kennt die Sorge, etwas übersehen zu haben. Wenn die KI mit draufschaut, schläft man ruhiger.“

Erfahrungen aus der Klinik – zwischen Routine und Qualitätsgewinn

Prof. Dr. Martin Heuschmid von der Oberschwabenklinik gGmbH, St. Elisabethen- und Westtallgäu-Klinikum, nutzt KI seit mehreren Jahren in der Routine. „Unsere Motivation war, das Dienstwesen zu entlasten, insbesondere in der Kooperation mit Schwesterkliniken. KI unterstützt uns bei der Knochen- und Thoraxbefundung und zunehmend auch in der Mammographie.“

Gerade letztere habe sich als Paradebeispiel erwiesen: „Wir arbeiten mit einem System von der Firma Gleamer und haben hervorragende Erfahrungen gemacht. Die KI liefert eine objektive Zweitmeinung, die wir Patientinnen teils direkt zeigen. Das schafft Vertrauen – Transparenz wirkt hier enorm positiv.“ Prof. Heuschmid betonte, dass der kommunikative Effekt der KI, häufig unterschätzt werde: „Wenn wir erklären, dass eine zweite, unabhängige Instanz das Bild gesehen hat, stärkt das das Vertrauen in unsere Arbeit.“ Allerdings bleibt auch er realistisch: „Natürlich gibt es falsch-positive Hinweise, die zu zusätzlichen Arbeitsschritten führen. Aber das ist kein Nachteil, sondern Qualitätskontrolle. Wir verstehen KI nicht als Konkurrenz, sondern als Werkzeug, das uns sicherer macht.“

Prof. Dr. med. Martin Heuschmid
Prof. Dr. med. Martin Heuschmid, Chefarzt der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Nuklearmedizin, Oberschwabenklinik GmbH, St. Elisabethen-Klinikum und Westallgäu-Klinikum
Quelle: Westallgäu-Klinikum

Ökonomische Realität: Qualität vor Vergütung

Dr. Torsten Möller, Radiologe und Geschäftsführer von reif & möller – Netzwerk für Teleradiologie, lenkte die Diskussion auf den ökonomischen Rahmen: „Wir gehen in Vorleistung. Kein Krankenhaus zahlt mehr, nur weil KI im Einsatz ist. Trotzdem investieren wir, weil wir überzeugt sind, dass Qualität und Patientensicherheit langfristig zählen.“ Gerade in der Teleradiologie sei der Nutzen evident: „Wir können Fälle schneller priorisieren, kritische Befunde früher erkennen und dadurch die Versorgung verbessern. Aber bislang honoriert das niemand.“ Dr. Brader bestätigte dies: „Auch in Österreich finanzieren wir den Einsatz aus Überzeugung. Der Druck wird mittelfristig von außen kommen – von Zuweisern, die strukturierte Messungen erwarten, oder von Screening-Programmen, die KI als Standard voraussetzen.“

Strukturierte Befunde, Screening und neue Standards

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist das kommende Lungenscreening-Programm, das laut Prof. Heuschmid das erste Verfahren sein könnte, bei dem der KI-Einsatz verpflichtender Bestandteil wird. „Ich gehe fest davon aus, dass KI integraler Teil des Screenings sein wird. Verlaufskontrollen, Wachstumsmessungen, Nachsorgen – all das lässt sich zuverlässig computergestützt abbilden.“

Auch in der Mammographie sieht er mittelfristig eine KI-basierte Zweitbefundung als realistische Option. „Wenn Qualität und Akkreditierung stimmen, kann ein Algorithmus die Zweitmeinung übernehmen – das spart Zeit und Ressourcen, ohne Kompromisse bei der Qualität.“ Die Experten waren sich einig, dass KI besonders dort schnell Fortschritte macht, wo klar strukturierte Befundschemata existieren: Prostata, Rektum, Brust, Lunge. „Diese Regionen sind prädestiniert für automatisierte Strukturierung“, sagte Dr. Möller. „Wir werden erleben, dass KI den strukturierten Befund liefert – inklusive Maße, Scores und Klassifikation –, während der Radiologe die Plausibilität prüft.“

Dr. Torsten Möller
Dr. Torsten Möller, Radiologe und Geschäftsführer von reif & möller – Netzwerk für Teleradiologie
Quelle: Haus & Gross / reif & möller

Fazit und Ausblick

Die Diskussion zeigte eindrucksvoll, wie stark sich die KI in der bildgebenden Diagnostik bereits etabliert hat – und wo bisher ihre Grenzen liegen. Stärken bestehen heute in Bereichen mit hohem Bildvolumen und standardisierten Mustern: Frakturdiagnostik, Thorax, Mammographie, zunehmend Prostata und Lunge. Hier bietet KI Zeitgewinn, Priorisierung, Qualitätssicherung und Entlastung. Schwächen bestehen, wo anatomische Vielfalt, Artefakte oder komplexe Differentialdiagnosen eine höhere Kontextsensibilität verlangen – etwa bei multiplen Organbeteiligungen, postoperativen Veränderungen oder seltenen Pathologien.

Trotz dieser Einschränkungen herrscht Einigkeit: KI wird die Radiologie nicht ersetzen, sondern erweitern. Sie ist Werkzeug, nicht Wettbewerber. Sie verschiebt Routineaufgaben, schafft Freiraum für klinisches Denken und hebt die Diagnostik auf ein neues Qualitätsniveau.

Was kommen muss, darin waren sich alle Referenten einig, sind technische Standardisierung, rechtliche Klarheit, intensivere Schulung und ein verlässlicher Finanzierungsrahmen. „Wenn wir KI als Teil unserer täglichen Arbeit verstehen, sie kritisch begleiten und weiterentwickeln, wird sie uns helfen, bessere Medizin zu machen“, fasste Prof. Schreyer zusammen. Oder, wie Markus Wagner es formulierte: „KI macht uns nicht überflüssig – sie macht uns besser.“ 

Pia Bolten und Detlef Hans Franke

FuP Kommunikation, Frankfurt am Main

www.zukunft-teleradiologie.de

Anbieter

reif & möller diagnostic network AG

Gathmannstraße 3
66763 Dillingen/Saar
Deutschland

www.reif-moeller.de

telerad@reif-moeller.de

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