Mit dem Start des Low-Dose-CT-Lungenkrebsscreenings als GKV-Leistung beginnt für die Radiologie in Deutschland eine neue Phase: Aus einer einzelnen Untersuchung wird ein komplexer, longitudinaler Versorgungsprozess. Entscheidend für den Erfolg sind dabei nicht nur moderne CT-Systeme oder KI-Algorithmen, sondern vor allem standardisierte Abläufe, eine stabile Datenqualität und funktionierende Patientenpfade. Der Beitrag von Vanja Azabagic-Thursar beleuchtet die zentralen organisatorischen und technologischen Herausforderungen beim Aufbau eines skalierbaren Screeningprogramms.
Mit der Einführung des Low-Dose-CT-Lungenkrebsscreenings als GKV-Leistung ab dem 1. April 2026 hat Deutschland einen wichtigen gesundheitspolitischen Schritt vollzogen. Die wissenschaftliche Evidenz ist seit Jahren eindeutig: Screening verschiebt die Diagnose von Lungenkrebs in frühe Stadien und verbessert die Überlebensraten signifikant.
Doch mit der Entscheidung zur Einführung beginnt erst die eigentliche Herausforderung. Screening ist kein diagnostisches Verfahren, sondern ein komplexer, populationsbasierter Prozess. Sein Erfolg wird nicht durch einzelne CT-Befunde bestimmt, sondern durch die Qualität der Umsetzung im klinischen Alltag.

Vom CT-Befund zum Screeningprozess
Für die Radiologie bedeutet dies einen grundlegenden Rollenwechsel. Die Low-Dose-CT ist nicht länger eine punktuelle Untersuchung, sondern Teil eines longitudinalen Systems mit wiederholten Untersuchungen, standardisierten Befundpfaden und klar definierten Entscheidungsprozessen. Damit verschiebt sich der Fokus von der reinen Detektion hin zu Reproduzierbarkeit und Prozessstabilität.
Erfahrungen aus europäischen Programmen zeigen, dass die Bildgebung selbst selten der limitierende Faktor ist. Die zentrale Herausforderung liegt in der Organisation: niedrige Teilnahmequoten, fragmentierte Versorgungstrukturen und fehlende Integration zwischen Radiologie, Primärversorgung und weiterführender Diagnostik. Ohne funktionierende Patientenpfade bleibt ein Teil der detektierten Befunde klinisch folgenlos.
Hinzu kommt die Dimension der Skalierung. Bereits mittelgroße Programme generieren tausende CT-Untersuchungen pro Monat. Mit der Anzahl der Untersuchungen steigt nicht nur die Zahl der detektierten Lungentumoren, sondern auch die Menge zusätzlicher Befunde – von Emphysem über koronare Kalzifikationen bis hin zu interstitiellen Lungenveränderungen. Diese Befunde sind häufig, klinisch relevant und gleichzeitig heterogen in ihrer Prognose. Die Herausforderung liegt nicht in ihrer Detektion, sondern in ihrer Einordnung und Priorisierung.
Damit rückt ein bisher unterschätzter Aspekt in den Mittelpunkt: die Standardisierung der Bildgebung. Unterschiede in Akquisitionsprotokollen, Rekonstruktionsalgorithmen und Bildqualität führen zu variablen Messergebnissen und limitieren die Vergleichbarkeit zwischen Untersuchungen. Dies betrifft insbesondere die Beurteilung von Wachstum – ein zentrales Kriterium in der Risikostrukturierung von Lungennoduli. Ohne kontrollierte Datenqualität bleibt jede quantitative Bewertung potenziell unsicher.
KI braucht konsistente Bildqualität
Diese Problematik wird durch den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz weiter verschärft. KI-Systeme zeigen eine hohe Leistungsfähigkeit in der Detektion und Charakterisierung von Noduli, sind jedoch stark abhängig von der Qualität und Homogenität der Eingangsdaten. Variabilität in der Bildgebung kann die Leistung dieser Systeme deutlich beeinflussen. Gleichzeitig adressieren die meisten KI-Anwendungen nur einen Teil des Screeningprozesses, nämlich die Bildanalyse, und nicht die übergeordnete Steuerung der Patientenpfade.
Ein funktionierendes Screeningprogramm erfordert daher mehr als nur technologische Innovation. Es benötigt integrierte Systeme, die den gesamten
Prozess abbilden, von der Identifikation geeigneter Personen über die Untersuchung bis hin zur Nachverfolgung und Therapieeinleitung. Ohne ein strukturiertes Patientenmanagement besteht die Gefahr, dass relevante Befunde nicht in klinische Maßnahmen übersetzt werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die Dateninfrastruktur an zentraler Bedeutung. Screeningprogramme erzeugen große Mengen longitudinaler Daten, deren systematische Erfassung und Auswertung Voraussetzung für Qualitätssicherung und Weiterentwicklung sind. Daten sind dabei nicht nur ein Nebenprodukt, sondern die Grundlage für die Sicherheit und Effektivität des Programms.
Organisatorische Herausforderung
Gleichzeitig eröffnet das Screening eine weitergehende Perspektive. Die Zielpopulation weist ein gemeinsames Risikoprofil für mehrere Erkrankungen auf, insbesondere für Lungenkrebs, COPD und kardiovaskuläre Erkrankungen. Low-Dose-CT ermöglicht die simultane Erfassung dieser Erkrankungen. Eine solche Erweiterung kann den Nutzen des Screenings erhöhen, erfordert jedoch eine klare Priorisierung und eine strukturierte Implementierung, um Überkomplexität zu vermeiden. Deutschland startet das Lungenkrebs-
Screening zu einem Zeitpunkt, zu dem die entscheidenden Erkenntnisse bereits vorliegen. Die Wirksamkeit ist belegt, und internationale Programme zeigen, welche Faktoren für den Erfolg entscheidend sind.
Die verbleibende Herausforderung ist daher nicht wissenschaftlicher, sondern organisatorischer Natur: die Fähigkeit, Screening als integriertes System zu implementieren, das reproduzierbar, skalierbar und klinisch wirksam ist.

Infobox
Mit dem offiziellen Start des Low-Dose-CT-Lungenkrebsscreenings als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung zum 1. April 2026 sind nun auch die Vergütungsregelungen für die beteiligten Fachgruppen festgelegt.
Der Erweiterte Bewertungsausschuss hat dafür acht neue Gebührenordnungspositionen (GOP) in den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) aufgenommen und damit die finanzielle Grundlage für das neue Früherkennungsprogramm geschaffen.
Das Screening richtet sich an aktive und ehemalige starke Raucher im Alter von 50 bis 75 Jahren. Nach einer Indikationsstellung durch Hausärzte oder Internisten können anspruchsberechtigte Personen einmal jährlich eine Niedrigdosis-Computertomographie (LDCT) zur Früherkennung von Lungenkrebs in Anspruch nehmen. Die Details zur Zielgruppe und zum Ablauf hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zuvor in der Krebsfrüherkennungs-Richtlinie definiert.
Für die Radiologie besonders relevant ist die neue GOP 01871, über die die eigentliche LDCT-Untersuchung inklusive Befundung, Patienteninformation und Dokumentation abgerechnet wird. Die Vergütung beträgt 95,04 Euro. Kontrolluntersuchungen bei auffälligen oder kontrollbedürftigen Befunden werden über die GOP 01872 vergütet.
Darüber hinaus sieht das Programm eine strukturierte Zweitbefundung vor: Bei kontroll- oder abklärungsbedürftigen Befunden
muss ein weiterer Radiologe hinzugezogen werden, idealerweise aus einer auf Lungenkrebs spezialisierten Einrichtung. Für Zweitbefundung, Konsensuskonferenzen und die weiterführende Patientenberatung wurden eigene GOP geschaffen.
Auch Allgemeinmediziner und Internisten erhalten neue Abrechnungsmöglichkeiten für die Beratung und Dokumentation der medizinischen Eignung der Patienten. Die einmalige Erstberatung zur Lungenkrebs-Früherkennung kann je nach Gesprächsdauer mehrfach berechnet werden. Sämtliche Leistungen des neuen Screening-programms werden extrabudgetär vergütet.
Trotz des offiziellen Starts weist der G-BA darauf hin, dass der flächendeckende Aus-bau des Programms noch Zeit benötigen
wird. Radiologinnen und Radiologen müssen zunächst spezielle Fortbildungen absolvieren und eine Genehmigung ihrer Kassenärzt-lichen Vereinigung erhalten, um als Erst- oder Zweitbefunder tätig werden zu können. Auch für Hausärzte und Internisten sind ent-sprechende Qualifikationsnachweise erforder-lich. Damit beginnt nun die praktische Imple-mentierungsphase eines der größten neuen Früherkennungsprogramme der vergangenen Jahre in Deutschland.









