
Bevor sich in Konstanz wieder drei Länder zum R3 treffen, wollte ich – Ronny Röntgen, selbsternannter Ur-Ur-Enkel eines gewissen Wilhelm Conrad und stets auf der Suche nach der Geschichte hinter dem Befund – wissen, wer eigentlich hinter den Kulissen an diesem Kongress bastelt, wenn die Kittel ausgezogen sind. Also habe ich mir drei der prägendsten Köpfe der DACH-Radiologie vorgeknöpft: Fabian Bamberg aus Freiburg, der den R3 mit aus der Taufe gehoben hat, Elmar Merkle aus Basel, der genau weiß, für welchen Raum sich der bessere Anzug lohnt, und Christian Loewe aus Wien, dessen Herz für die Herzbildgebung mindestens so laut schlägt wie für sein geliebtes Wien.
Herausgekommen ist ein Gespräch, das weit über Kontrastmittel und Feldstärken hinausgeht: Es geht um Ferraris mit Volvo-Bremsen, Rettungswagen-Gelassenheit, Champagner-MRTs, kroatische Urlaubsvorsätze mit eingebauter Ausnahmeregel und die Frage, ob es überhaupt einen Umzug gibt, für den man Wien verlassen würde. Fachlich fundiert, menschlich nah – und mit deutlich mehr Stil, als man von einem gewöhnlichen Kongressvorbericht erwarten würde. Viel Spaß beim Lesen!
Euer Ronny

Fabian Bamberg, Freiburg
Herr Professor Bamberg, Sie haben zusammen mit den Professoren Merkle und Herold, damals den R3 in Konstanz ins Leben gerufen. Und unter uns Röntgens: Ist R3 eher der Ferrari oder der solide Volvo unter den DACH-Tagungen?
Der R3 ist idealerweise ein Ferrari mit Volvo-Bremsen: einzigartig und wissenschaftlich schnell, durchaus ambitioniert, aber verlässlich und sicher auf der Straße. Und am Bodensee bekommt das Ganze noch ein wenig Cabrio-Gefühl. Entscheidend ist für mich aber, dass der R3 nicht nur vom Programm lebt, sondern auch von den persönlichen Begegnungen zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Mit der NAKO-Studie haben Sie praktisch die Körper einer ganzen Kleinstadt im MRT verewigt. Bei so viel Bildmaterial: Espresso in der einen Hand, Maus in der anderen – oder lassen Sie die KI inzwischen Nachtschichten fahren, während Sie schlafen?
Naja, die KI dürfte inzwischen durchaus Nachtschichten übernehmen – aber den Frühdienst und vor allem die Verantwortung wird sie noch nicht los und so richtig gut läuft es auch noch nicht. Bei 30.000 Ganzkörper-MRTs braucht man beides: leistungsfähige Algorithmen und ziemlich leistungsfähigen Kaffee. Der Espresso ist also nicht verschwunden, er hat nur digitale Unterstützung bekommen.
Bevor Sie Professor wurden, sind Sie für das Rote Kreuz als Rettungssanitäter mit Blaulicht durch die Gegend gefahren. Ganz ehrlich: Bringt einem echte Sanitäter-Erfahrung am Ende mehr Gelassenheit als jedes Mindfulness-Seminar? Vermissen Sie heute manchmal den Adrenalinkick, wenn nur noch der Mauszeiger über den Monitor huscht?
Die Zeit im Rettungsdienst erdet einen tatsächlich nachhaltig, wenn man aus der Wohlfühlschule kommt. Da lernt man einiges über das Leben… Man lernt sehr schnell, Wichtiges von Dringendem zu unterscheiden und auch dann ruhig zu bleiben, wenn es um einen herum gerade nicht ruhig ist. Diese Art von Gelassenheit lässt sich nur schwer in einem Seminar erlernen. Da ist früher Nachwuchs auch lehrreicher. Und den Adrenalinkick vermisse ich nicht wirklich: Spitzenmedizin, Klinikleitung, Politik, Radiologie und ein voller E-Mail-Posteingang sorgen zuverlässig dafür, dass der Puls nicht zu niedrig wird.
Boston, München, Tübingen, Freiburg: Sie sind mehr herumgekommen als ein Röntgenkoffer auf Kongresstour. Wenn Sie sich rein aus Lifestyle-Gründen noch einmal einen Zweitwohnsitz aussuchen dürften: Welche Stadt bekommt den Zuschlag, und was wäre dort garantiert das Erste, das nichts mit Radiologie zu tun hat?
Boston bekäme wahrscheinlich knapp den Zuschlag. Die Stadt verbindet krasse wissenschaftliche Energie mit Wasser, Sport und einer sehr internationalen Atmosphäre. Meine erste Amtshandlung hätte allerdings garantiert nichts mit Radiologie zu tun, liegt aber in walking distance: Harvard Gardens… lohnt sich immer noch, obgleich die Wein- und Bierkultur in Freiburg und München deutlich vorne liegt.

Elmar Merkle, Basel
Herr Professor Merkle, der R3 bringt Radiologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Ganz ehrlich: Wer bestellt am Kongressabend den teureren Wein: die Schweizer oder die Österreicher?
Kommt darauf an, wer zahlt! Auf eigene Rechnung nimmt der Schweizer den teureren Wein, auf fremde Rechnung trinken beide den teureren!
Sie haben mal gesagt, das untere Ende der Feldstärke sei wirtschaftlich, das obere wissenschaftlich interessanter. Ganz Ronny gefragt: Ist Hochfeld-MRT für Sie eher der Champagner oder der Espresso der Radiologie?
Hmmm … Ultrahochfeld, also 7T und höher, ist ein ganz seltener Champagner, während die mittlere Feldstärke wie 0,55T dann doch einem schönen kühlen
Bier entspricht!
Acht Jahre an der Duke University in North Carolina, dann zurück nach Basel als Chefarzt. Was vermissen Sie mehr: den amerikanischen Campus-Glamour oder die amerikanischen Kaffeebechergrößen? Und was hat die Schweiz, das die USA nie hinbekommen haben?
Das amerikanische Campusleben vermisse ich tatsächlich, insbesondere den Collegesport, aber auch die Verbundenheit mit der eigenen Institution. Und an der Schweiz schätze ich sehr viel, aber ganz besonders die Fähigkeit zum fairen Diskurs und zum ergebnisorientierten Kompromiss!
Sie sitzen heute in halb so vielen Aufsichtsräten wie ich Kaffeesorten kenne, unter anderem in Tübingen. Für welchen Raum ziehen Sie tatsächlich den besseren Anzug an: den Sitzungssaal oder den Befundungsraum?
Definitiv Sitzungssaal!

Christian Loewe, Wien
Herr Prof. Loewe, in Konstanz leiten Sie die Sitzung „Da sind Emotionen vorprogrammiert“ zur Herzbildgebung. Bringt Sie als Kardio-Radiologe überhaupt noch etwas am Bildschirm zum Schwitzen, oder haben Sie das Röntgen-Pokerface längst perfektioniert?
Also, das Röntgen-Pokerface sitzt meistens ganz gut – es verrutscht höchstens, wenn Kardiologen ans Gerät wollen. Aber insgesamt bleibt die Herzbildgebung für mich eine sehr emotionale Sache. Ich finde die Thematik weiterhin wahnsinnig spannend, und die Dynamik der technischen und medizinischen Entwicklungen in der Herzbildgebung (ich nenne es lieber Herzradiologie!) treibt den Puls immer wieder in positive Höhen!
Frisch zum Educational and Scientific Director der ESOR gekürt: Wenn Sie den europäischen Nachwuchs in nur einem Satz auf den R3 vorbereiten müssten, wie würde er lauten?
In einem Satz? R3 ist so vielseitig – nicht nur sprachlich, weil Dreiländertreffen – da wird der eine Satz lang: „Kommt nach Konstanz, seid neugierig, stellt Fragen, widersprecht uns Alten – wir halten das aus! Und nehmt möglichst viel Begeisterung für die Radiologie wieder mit nach Hause!“
Ich sage ja immer: 13 Stunden am Angiotisch oder sechs Stunden Teleradiologie vom Strand aus, beides zählt als Work-Life-Balance. Wird bei Ihnen im Urlaub in Kroatien wirklich alles abgeschaltet, oder schleicht sich zwischen Aperol und Adria-Sonnenuntergang doch der eine oder andere Blick auf Patientenbilder ein?
Ich arbeite dran, und das seit vielen Jahren! Der Vorsatz lautet ganz klar: Adria und Strand, Familie, Bücher und Aperol – oder noch besser: ein eiskaltes Bier beim Nachbarn – aber realistischerweise ist der 5. Punkt „nur ganz kurz Mails checken“ dann doch immer dabei. Patientenbilder bleiben im Urlaub aber tatsächlich zu Hause, meistens zumindest. Und das „nur ganz kurz“ ist bekanntlich eine sehr dehnbare Zeiteinheit.
Sie sind Wien ihr ganzes Berufsleben treu geblieben, egal ob bei einer Melange im Kaffeehaus oder bei einem Espresso to go. Würden Sie Ihr Wien überhaupt für einen Umzug hergeben?
Das ist die mit Abstand schwierigste Frage! Ich reise wahnsinnig gerne und finde viele Städte großartig, aber Wien hat die unangenehme Eigenschaft, dass man nach der Rückkehr meistens wieder merkt, wie gut man es eigentlich hat. Für einen Umzug müsste das Angebot daher schon ziemlich überzeugend sein: Meer, gutes Essen, ein internationaler Flughafen und idealerweise ein vernünftiger Kaffee. Also, wenn Umzug, dann in ein Wien am Meer!






