Wo steht Bayer mit der Zulassung von Gadoquatrane?

Interview mit Dr. Peter Seidensticker von Bayer und Kinderradiologin Dr. Talissa Altes

Die Diskussion um Sicherheit, Stabilität und Langzeitfolgen von gadoliniumhaltigen MRT-Kontrastmitteln gewinnt weiter an Bedeutung – insbesondere bei Patientengruppen mit wiederholtem Untersuchungsbedarf. Mit Gadoquatrane entwickelt Bayer derzeit ein neues makrozyklisches Kontrastmittel, das eine vergleichbare diagnostische Aussagekraft bei deutlich reduzierter Gadolinium-Dosis verspricht. Im Gespräch erläutern Dr. Peter Seidensticker, Medical Expert Radiology bei Bayer, und Dr. Talissa Altes, Kinderradiologin an der University of Missouri, warum dieser Ansatz vor allem für Kinder, chronisch kranke und andere sensible Patientengruppen klinisch relevant ist, wie der Stand der Zulassung aussieht und welche Rolle Stabilität, Technik und Nachhaltigkeit künftig spielen.

Dr. Peter Seidensticker
Dr. Peter Seidensticker, Bayer

Herr Dr. Seidensticker, Bayer entwickelt derzeit das neue MRT-Kontrastmittel Gadoquatrane. Wo stehen Sie im Zulassungsprozess?

Dr. Peter Seidensticker: Wir haben Gadoquatrane erfolgreich durch Phase III geführt und die klinischen Studien im vergangenen Jahr abgeschlossen. In diesem Jahr haben wir das Präparat bei zahlreichen Behörden eingereicht, sodass wir uns nun im laufenden Prüfverfahren befinden. Die Studien zeigen, dass Gadoquatrane eine gleichwertige diagnostische Aussagekraft wie heutige Standardkontrastmittel bietet – bei bis zu 60 % geringerer Gadolinium-Dosis. Das ist besonders relevant für sensible Patientengruppen, die mehrere MRTs benötigen, etwa onkologische oder pädiatrische Patientinnen und Patienten.

Neben Kindern – für wen ist die reduzierte Dosis ebenfalls bedeutsam?

Seidensticker: Wir erleben weltweit einen deutlichen Anstieg chronischer Erkrankungen. Viele Tumorleiden verlaufen heute nicht mehr akut tödlich, sondern werden zu chronischen Krankheitsbildern, die langfristig bildgebend überwacht werden. Jede zusätzliche MRT-Untersuchung erhöht die lebenslange Gadolinium-Exposition. Eine Reduktion der Patienten-Dosis um 60 % wäre daher ein relevanter Vorteil, ebenso für andere sensible Gruppen wie Schwangere.

Dr. Talissa Altes
Dr. Talissa Altes, Kinderradiologien

Studienlage zu Gadoquatrane (QUANTI-Programm)

Die klinische Entwicklung von Gadoquatrane basiert auf dem zulassungsrelevanten QUANTI-Programm, das zwei multinationale Phase-III-Studien bei Erwachsenen (QUANTI CNS und QUANTI OBR) sowie die pädiatrische Studie QUANTI Pediatric umfasst. Insgesamt wurden 808 Patientinnen und Patienten in 15 Ländern eingeschlossen, darunter 93 Kinder und Jugendliche. Ziel des Programms war die Bewertung der Sicherheit, der Pharmakokinetik und der diagnostischen Leistungsfähigkeit eines niedrig dosierten, makrozyklischen MRT-Kontrastmittels.

QUANTI Pediatric war als multizentrische, prospektive, offene Studie konzipiert und schloss Kinder von der Geburt bis zum Alter von 18 Jahren ein. Untersucht wurde eine Gadolinium-Dosis von 0,04 mmol Gd/kg Körpergewicht – eine Reduktion um bis zu 60 Prozent gegenüber etablierten makrozyklischen Standardkontrastmitteln. Die Studie erreichte ihre primären und sekundären Endpunkte zur Bewertung der Pharmakokinetik und der Sicherheit. Das pharmakokinetische Verhalten von Gadoquatrane bei Kindern erwies sich als vergleichbar mit dem bei Erwachsenen.

Zudem zeigten sich eine verbesserte Visualisierung und eine verbesserte Läsionserkennung im Vergleich zu MRT-Untersuchungen ohne Kontrastmittel. Das Sicherheitsprofil entsprach den bekannten Daten zu makrozyklischen Gadolinium-basierten Kontrastmitteln; neue Sicherheitssignale traten nicht auf. Die Ergebnisse aus QUANTI Pediatric ergänzen die positiven Phase-III-Daten bei Erwachsenen und bilden gemeinsam die Grundlage für die weltweit eingereichten Zulassungsanträge. Bei Zulassung wäre Gadoquatrane das am niedrigsten dosierte makrozyklische MRT-Kontrastmittel auf den jeweiligen Märkten.

Frau Dr. Altes, warum sind Stabilität und geringere Dosis gerade in der Kinderradiologie so wichtig?

Altes: Kinder haben ein langes Leben vor sich – potenzielle Risiken haben also deutlich mehr Zeit, sich auszuwirken. Wir vermeiden Strahlung, wo es geht, und wechseln deshalb häufig von der CT zur MRT. Dann mussten wir erkennen, dass auch Gadolinium nicht völlig risikofrei ist.

Ein hochstabilisiertes Kontrastmittel mit deutlich weniger Gadolinium hilft uns enorm dabei, sicher zu arbeiten. Viele unserer jungen Patientinnen und Patienten mit Krebs überleben langfristig. Sie benötigen jedoch wiederkehrende MRTs über Jahre hinweg. Eine geringere kumulative Belastung ist hier wirklich ein großer Fortschritt.

Ab wann könnte Gadoquatrane bei Zulassung bei Kindern eingesetzt werden?

Altes: Das Kontrastmittel wurde für die Altersgruppe von 0 bis 17 Jahren entwickelt. Die jüngsten Studienteilnehmer waren vier Wochen alt. Grundsätzlich dosieren wir gewichtsabhängig. Bei sehr jungen Neugeborenen versuchen wir, Gadolinium zu vermeiden, aber manchmal ist es unverzichtbar, um akute Probleme abzuklären. Dann ist ein stabiles Kontrastmittel mit geringer Dosierung besonders wertvoll.

Können Sie ein Beispiel nennen, in dem diese Eigenschaften entscheidend sind?

Altes: Ein typisches Beispiel ist Morbus Crohn. Diese Kinder benötigen häufige Abdomen-MRTs, um Entzündungen und Komplikationen zu erkennen. Früher machten wir CTs, aber die Strahlenbelastung würden wir gerne vermeiden.

In stark entzündlichem Gewebe besteht zudem die Sorge, dass manche Gadolinium-Komplexe weniger stabil sind. Ein besonders stabiles Mittel mit geringerer Dosis gibt uns deutlich mehr Sicherheit – nicht nur für die heutige Untersuchung, sondern auch für die nächsten Jahrzehnte im Leben dieser Kinder.

Was macht Gadoquatrane chemisch so stabil?

Seidensticker: Grundsätzlich geht eine potenzielle Toxizität bei MR-Kontrastmitteln vom freien Gadolinium-Ion aus. Makrozyklische Kontrastmittel verhindern seine Freisetzung bereits sehr gut. Gadoquatrane erreicht jedoch eine noch höhere Komplexstabilität, wodurch das Risiko der Ion-Freisetzung weiter sinkt. In Kombination mit der bis zu 60 % geringeren Dosis ergibt sich ein echter Vorteil.

Wie werden Kontrastmittel bei Kindern appliziert? Sind spezielle Injektoren nötig?

Altes: Bei sehr kleinen Kindern injizieren wir grundsätzlich manuell. Ältere Kinder und Jugendliche erhalten Kontrastmittel in der Standarddosis über Power-Injektoren.

Seidensticker: Die Kinetik von Gadoquatrane entspricht vollständig den etablierten Kontrastmitteln. Das Präparat weist zudem eine niedrige Osmolalität und Viskosität auf, ähnlich wie Blut. Das erleichtert die Injektion  und reduziert potenzielle Probleme mit Drucklimits. Besondere Schulungen des medizinisch-technischen Personals sind nicht nötig, es wird wie bestehende MR-Kontrastmittel eingesetzt.

Welche MRT-Systeme nutzen Sie in der Kinderradiologie?

Altes: Wir arbeiten mit 1,5- und 3-Tesla-Systemen. Für ältere Kinder und Jugendliche setzen wir auch ein 7T-System ein, das besonders bei subtilen Hirnbefunden oder kleinen Metastasen herausragende Ergebnisse liefert. Einige Kliniken verwenden zudem neonatal-taugliche Mini-MR-Scanner, wir jedoch nicht.

Hilft KI künftig, die Kontrastmitteldosis weiter zu reduzieren?

Altes: Ja. KI-Rekonstruktionen, schnellere Scanner und bessere Sequenzen werden die benötigte Dosis langfristig sicher weiter senken. Aber schon jetzt ist die Reduktion um bis zu 60 % ein gewaltiger Schritt.

Seidensticker: Auch wir erwarten, dass technische Fortschritte die Dosis künftig weiter beeinflussen. 

Wann rechnen Sie mit der Markteinführung?

Seidensticker: Wir haben Gadoquatrane in zahlreichen Ländern und Regionen wie Japan, USA, Europa und China zur Zulassung eingereicht und hoffen auf erste Zulassungen im Jahr 2026. Die endgültige Zeitachse hängt vom Verlauf der Zulassungsverfahren mit den jeweiligen Gesundheitsbehörden ab.

Spielt Nachhaltigkeit bei der Entwicklung eine Rolle?

Altes: Für eine klinische Entscheidung steht die Sicherheit klar im Vordergrund. Aber ja, die Umweltbelastung durch Gadolinium ist mir persönlich wichtig.

Seidensticker: Auch Bayer beschäftigt sich intensiv damit. Durch die geringere Patienten-Dosis kann ein Krankenhaus seine Gadolinium-Abgabe ins Abwasser um bis zu 60 % reduzieren – ein Effekt, der nicht ignoriert werden sollte.

Anbieter

Bayer Vital GmbH


51368 Leverkusen
Deutschland

www.radiologie.bayer.de

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