
Mit der Übertragung des Radiologiegeschäfts rund um RadCentre von mesalvo an die EDL Software Deutschland GmbH entsteht eine neue Konstellation im europäischen Radiologie IT-Markt. Während CSO Dennis Helbing die operative Perspektive aus dem deutschen Markt einbringt, beschreibt EDL CEO Kylian Lopez die strategische Dimension dieser Partnerschaft auf europäischer Ebene. Im Gespräch mit Guido Gebhardt wird deutlich, warum beide Unternehmen bewusst auf einen evolutionären Ansatz setzen und dass die Anwender davon profitieren.
Herr Lopez, Herr Helbing: Was ist die strategische Idee hinter der Zusammenarbeit von EDL und mesalvo?
Kylian Lopez (KL): Aus unserer Sicht ist Deutschland einer der relevantesten Märkte in Europa, nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern auch aufgrund seiner strukturellen Komplexität. Es handelt sich um einen weitgehend gesättigten Markt, in dem Wachstum kaum noch durch neue Installationen entsteht, sondern primär durch Wettbewerb, Innovation und die Fähigkeit, bestehende Systeme zu verbessern oder abzulösen.
Vor diesem Hintergrund war für uns klar, dass wir unsere Präsenz in Deutschland auf ein neues Niveau heben mussten, um unseren Anspruch als europäischer Anbieter weiterzuentwickeln. Die Übernahme des RadCentre-Geschäfts sowie die strategische Partnerschaft mit mesalvo sind deshalb kein isolierter Schritt, sondern Teil einer langfristigen Strategie. Wir schaffen damit die Grundlage, um unser Portfolio in einem der wichtigsten Märkte Europas nachhaltig zu verankern und weiter auszubauen.
Dennis Helbing (DH): Aus operativer Sicht lässt sich das sehr gut erklären: Die Partnerschaft ist deshalb so spannend, weil sich die Stärken der beiden Unternehmen nahezu ideal ergänzen. mesalvo bringt mit RadCentre ein System mit, das über viele Jahre hinweg gewachsen ist und eine enorme funktionale Tiefe besitzt, insbesondere in Bezug auf die spezifischen Anforderungen des deutschen Marktes.
Auf der anderen Seite steht EDL mit einer modernen, webbasierten Plattformarchitektur, die konsequent auf Skalierbarkeit und Integration ausgerichtet ist, sowie einem klaren Fokus auf künstliche Intelligenz als Innovationstreiber.
Die strategische Idee ist deshalb nicht, das eine durch das andere zu ersetzen, sondern beide Welten miteinander zu verbinden und gezielt weiterzuentwickeln. Genau darin liegt aus meiner Sicht der eigentliche Mehrwert dieser Kooperation.
Viele Marktteilnehmer gehen bei solchen Transaktionen von einer schnellen Systemkonsolidierung aus. Warum verfolgen Sie bewusst einen anderen Ansatz?
DH: Weil wir in der Vergangenheit sehr deutlich gesehen haben, welche Risiken mit einem solchen Vorgehen verbunden sind. Ein Radiologie-Informationssystem ist kein isoliertes IT-Tool, sondern ein elementarer Bestandteil des klinischen Alltags. Es ist tief in die Prozesse integriert, beeinflusst Abläufe, Kommunikation und letztlich auch die Qualität der Versorgung.
Eine schnelle Migration bedeutet daher immer auch einen massiven Eingriff in etablierte Strukturen. Sie erfordert Schulungen, Datenmigrationen, Anpassungen von Workflows – und birgt immer das Risiko, dass funktionale Details verloren gehen, die im Alltag entscheidend sind, auch wenn sie auf den ersten Blick unscheinbar erscheinen.
Deshalb haben wir uns ganz bewusst dagegen entschieden, diesen Weg zu gehen. Stattdessen setzen wir auf Kontinuität und schrittweise Weiterentwicklung.
KL: Aus strategischer Sicht ist das ebenfalls eine sehr bewusste Entscheidung. Natürlich ist es auf den ersten Blick aufwendiger, zwei Systeme parallel zu betreiben, zu entwickeln und zu unterstützen.
Aber dieser zusätzliche Aufwand ist aus unserer Sicht eine Investition in Stabilität und Vertrauen. Wir wollen unsere Kunden nicht vor vollendete Tatsachen stellen, sondern ihnen die Sicherheit geben, dass ihre bestehenden Systeme weiterhin zuverlässig funktionieren und zugleich Perspektiven für die Zukunft eröffnen.
Was bedeutet diese Strategie konkret für die bestehenden RadCentre-Kunden?
DH: Für die Kunden bedeutet das vor allem: Verlässlichkeit und Stabilität.
Die bestehenden Systeme sowie die Verträge laufen unverändert weiter, und auch die gewohnten Ansprechpartner bleiben erhalten.
Das ist ein zentraler Punkt, weil Vertrauen im Gesundheitswesen eine entscheidende Rolle spielt. Radiologische Einrichtungen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Systeme stabil laufen und dass sie nicht plötzlich vor grundlegenden Veränderungen stehen, die ihren Alltag beeinträchtigen.
Gleichzeitig ist es uns wichtig zu betonen, dass diese Stabilität kein Stillstand ist. Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Systeme weiterzuentwickeln und um neue Funktionen zu erweitern.
KL: Genau, Stabilität und Weiterentwicklung sind für uns keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Strategie. Wir sichern den bestehenden Betrieb und investieren gleichzeitig in Innovation. Und genau daraus entsteht langfristig der Mehrwert.

Wie lässt sich diese Weiterentwicklung konkret beschreiben?
DH: Wir verfolgen einen Ansatz, den man am besten als schrittweise Konvergenz beschreiben kann.
Das bedeutet, dass wir zunächst beide Systeme parallel weiterentwickeln und gleichzeitig sehr genau analysieren, in welchen Bereichen welches System seine Stärken hat. RadCentre ist beispielsweise sehr stark in spezifischen funktionalen Anforderungen des deutschen klinischen und universitären Marktes, während unsere Xplore-Plattform technologisch moderner und skalierbarer ist und eine höhere Flexibilität beispielsweise für Radiologie-Gruppen bietet.
Auf dieser Basis entwickeln wir eine gemeinsame Roadmap. Künftig werden bestimmte Module nur noch einmal entwickelt und anschließend in beide Systeme integriert. Das betrifft Themen wie die Telematikinfrastruktur, beispielsweise die ePA-Anbindung sowie KI-basierte, Workflow-unterstützende Funktionen.
Langfristig entsteht daraus eine gemeinsame Plattform, aber eben nicht durch einen abrupten Wechsel, sondern durch eine kontinuierliche Annäherung.
KL: Man kann sagen: Wir entwickeln nicht von Grund auf neu, sondern wir bauen auf Bestehendem auf und führen die Stärken beider Systeme zusammen. Das ist ein anspruchsvollerer, aber aus unserer Sicht nachhaltigerer Weg.
Ein zentraler Treiber ist die künstliche Intelligenz. Welche Rolle spielt sie in Ihrer Strategie?
KL: Künstliche Intelligenz ist für uns einer der wichtigsten Innovationsbereiche, insbesondere mit Blick auf die kommenden Jahre. Wir investieren gezielt in diesen Bereich, weil wir überzeugt sind, dass KI einen entscheidenden Beitrag zur Effizienzsteigerung und gleichzeitig zur Qualitätssicherung in der Radiologie leisten kann.
Dabei geht es nicht nur um einzelne Anwendungen, sondern auch um die Integration von KI in bestehende Arbeitsprozesse.
DH: Genau hier kommt unser Ansatz der Workflow-KI ins Spiel. Wir betrachten KI nicht als isoliertes Tool, sondern als integralen Bestandteil des gesamten radiologischen Workflows. Das beginnt bereits bei der Terminplanung, wo KI helfen kann, Untersuchungen besser zu strukturieren und Fehler zu vermeiden. Es setzt sich im Aufnahmeprozess fort, etwa durch automatisierte Plausibilitätsprüfungen, und entfaltet seinen größten Hebel in der Befundung.
Gerade im Reporting sehen wir erhebliche Effizienzpotenziale. Je nach Untersuchung lassen sich heute bereits 20 bis 40 Prozent der Zeit einsparen, etwa durch automatisierte Vorbefundzusammenfassungen oder strukturierte Befundvorschläge.
Diese Effekte wirken auf den ersten Blick vielleicht nicht spektakulär, aber im Alltag summieren sie sich zu einem erheblichen Produktivitätsgewinn.
Wie wichtig ist die Integration dieser Technologien in bestehende Systeme?
DH: Sie ist absolut entscheidend. KI darf nicht als zusätzlicher Arbeitsschritt wahrgenommen werden, sondern muss sich nahtlos in den bestehenden Workflow einfügen. Nur dann wird sie im Alltag auch wirklich genutzt und kann so einen Beitrag leisten.
Deshalb setzen wir auf offene Systeme, die sowohl eigene als auch externe Lösungen integrieren können. Entscheidend ist, dass die Ergebnisse dort verfügbar sind, wo sie gebraucht werden – im RIS, im PACS und letztlich im Befund selbst.
KL: Und genau diese Integrationsfähigkeit ist ein zentraler Bestandteil unserer Plattformstrategie. Der stetige Fokus auf Interoperabilität ermöglicht es uns, Innovationen schnell und flexibel in bestehende Prozesse zu integrieren.

Welche Rolle spielt der strukturelle Wandel im Radiologiemarkt für Ihre Strategie?
KL: Wir beobachten sehr deutlich, dass sich der Markt verändert. Es entstehen größere, häufig auch international agierende Radiologieverbünde, die ganz andere Anforderungen an IT-Systeme stellen als klassische Gemeinschaftspraxen.
Diese Strukturen benötigen skalierbare, zentralisierte Lösungen, die mehrere Standorte gleichzeitig bedienen können.
Helbing: Und genau hier zeigt unsere Plattformarchitektur ihre Stärken. Sie ermöglicht, verschiedene Standorte über die Landesgrenzen hinaus über eine zentrale Infrastruktur zu betreiben und Prozesse zu standardisieren.
In Kombination mit der funktionalen Tiefe von RadCentre ergibt sich eine Lösung, die sowohl lokale Anforderungen erfüllt als auch international skalierbar ist.
Wann wird diese Partnerschaft aus Ihrer Sicht zur echten Success Story?
DH: Dann, wenn die Anwender im Alltag spüren, dass ihre Arbeit einfacher wird, Prozesse reibungsloser laufen, weniger manuelle Schritte erforderlich sind und die Systeme zuverlässig funktionieren.
Der Erfolg zeigt sich nicht allein in der Technologie, sondern in ihrer Wirkung im Alltag.
KL: Und aus strategischer Sicht dann, wenn wir es schaffen, uns langfristig als einer der führenden RIS- und Imaging- Anbieter auf dem europäischen Markt zu etablieren: nicht nur durch Größe, sondern durch Qualität und Innovationskraft.
Die Übertragung von RadCentre ist dabei kein Endpunkt, sondern der Anfang einer Entwicklung. Die eigentliche Success Story entsteht in den kommenden Jahren durch die konsequente Weiterentwicklung und den Mehrwert, den wir für unsere Kunden schaffen.
Die EDL Software Deutschland GmbH gehört zur französischen EDL-Gruppe, die 1994 gegründet wurde. Die deutsche Gesellschaft besteht seit 2017 und baut seitdem ihre Präsenz im deutschsprachigen Markt kontinuierlich aus.
EDL versteht sich als Gesamtanbieter für Radiologie-IT: Zum Portfolio zählen neben dem RIS auch PACS, nuklearmedizinische Informationssysteme, Portale, Teleradiologie-Lösungen sowie KI-Plattformen. Ziel ist es, den radiologischen Workflow durchgängig digital und integriert abzubilden.
Mit mehreren hundert Installationen in Europa verfolgt EDL das Ziel, radiologische Prozesse durchgängig digital abzubilden – von der Terminplanung über Befundung und Kommunikation bis hin zur standortübergreifenden Vernetzung.







